Steingasse 50 1/2 (Platz: Steingasse 10)
Bereits 1939 wurde das gesamte Anwesen Steingasse 10 – 12, d. h. die Synagoge und das Schulhaus auf Betreiben der Nazis verkauft. Der Landwirt Joseph Vogt erwarb das Anwesen für 5000 Reichsmark. Er verpachtete die Synagoge an seinen Bruder Franz, der in diesem Gebäude bis 1948 ein Strickwarenfabrik betrieb.
1952 kaufte die Ev. Kirche von Kurhessen – Waldeck die Synagoge und nutzte sie bis 1974 unter der Bezeichnung „Immanuel – Kapelle“ als Gotteshaus. Nach einer Interimsnutzung als Vereinsheim erwarb die politische Gemeinde von Großkrotzenburg das Gebäude. Nach einer vierjährigen aufwendigen Sanierung dient sie seit 1992 als Kultur- und Begegnungsstätte und als Raum für standesamtliche Trauungen.
!997 wurde die Sanierung durch das ebenfalls von Frau Dina Kunze geschaffene Denk – Mal vor der Synagoge gänzlich abgeschlossen.
Im Juli 1926 feierte Christen und Juden einträchtig mehrere Tage lang das 100jährige Bestehen der Synagoge. Einem dauerhaften, friedlichen Miteinander von Christen und Juden schien nichts mehr im Wege zu stehen.
Dies änderte sich erst 1933 mit der Ernennung A. Hitlers zum Reichskanzler.
Auch in der kleinen Landgemeinde Großkrotzenburg ging allmählich die subtile braune Saat auf, wurden 1933 die Geschäfte der jüdischen Bäcker und Metzger boykottiert, wurden auf der Grundlage des Reichskulturkammergesetzes jüdische Vereinsmitglieder aus dem Turnverein 1884 und dem Wassersportverein 1926 ausgeschlossen.
Stellten bis 1933 die Mitglieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft ca. 8 – 10 % der Gesamtbevölkerung Großkrotzenburgs, so ging ihr Anteil jetzt zurück, weil Jüdinnen und Juden nach Israel oder in die USA auswanderten.
Aber erst im Novemberpogrom 1938 fielen alle Hemmungen. Ausgelöst durch die Ermordung des deutschen Legationsrates von Rath in Paris gingen die Nationalsozialisten gezielt gegen die jüdische Glaubensgemeinschaft vor, so auch in Großkrotzenburg.
In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurden alle Juden Großkrotzenburgs verhaftet und in der Synagoge zusammengeführt. Viele von ihnen waren nur notdürftig bekleidet, einige in Hausschuhen. Unter NSDAP- und SA – Bewachung wurden sie nach Grossauheim geführt und von dort in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar deportiert, wo sie schweren Misshandlungen ausgesetzt waren.
Gegen 14 Uhr begann die Zerstörung des Synagogeninnenraumes durch Äxte und Bodenhaken Thorarollen, Gesangs- und Gebetsbücher wurden achtlos auf den Hof geworfen und angezündet, die Sitzbänke und der Thoraschrein zu Brennholz zerkleinert. Die Hitlerjugend schändete an diesem Tag den jüdischen Friedhof, und sie warf auch noch die Synagogenfenster mit Steinen ein. Die Kronleuchter wurden unbrauchbar gemacht. In letzter Minute konnte das Niederbrennen der Synagoge verhindert werden. Doch das Zerstören nahm kein ende. Es folgten die jüdische Volksschule, die Lehrerwohnung und die jüdischen Privatwohnungen. Mobiliar wurde zertrümmert, Kleider und Silberbestecke geplündert. Von 30 jüdischen Privatwohnungen waren gegen Mitternacht des 10. November 1938 13 Wohnungen nicht mehr bewohnbar.
Paula Rosenthal und das Ehepaar Schmidt wurden während des Pogroms schwer misshandelt.
Nach dem Novemberpogrom wanderten verstärkt Jüdinnen und Juden aus Großkrotzenburg nach Shanghai (China), Großbritannien, Israel, Nord- und Südamerika aus, so dass die jüdische Gemeinde am 29. Dezember 1939 noch 24 Mitglieder zählte. Für sie wurden bereits im Herbst 1939 Zwangsarbeiten (Holen von Löschsand, reinigen des Mühlgrabens…) angeordnet. Im April 1940 erfolgt die Zwangsumsiedlung der letzten in Großkrotzenburg verbliebenen Jüdinnen und Juden nach Frankfurt am Main, unter ihnen Erna Berberich, geb. Pollack, Therese Berberich, geb. Heinemann, Moses Berberich, Berta Heim, geb. Gotthelf und Sally Gotthelf Von dort brachte man sie in die Vernichtungslager Auschwitz – Birkenau, Theresienstadt, Treblinka…
Den ca. 50 ermordeten Großkrotzenburger Jüdinnen und Juden hat die Künstlerin Dina Kunze mit ihrer Bronzetafel ein Denkmal gesetzt.
Auf der Tafel fehlen die Namen von Walter Berberich, ermordet in Auschwitz und der Kinder Alfred, Amanda, Klara und Edeltrud Gotthelf ermordet in Hadamar.
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